I like Thalia Kino Dresden on Facebook

Kinoprogramm Donnerstag, 01.12.2016 - Mittwoch, 07.12.2016

Egon Schiele

Do. Fr. Sa. So. Mo. Di. Mi.
17:45

Regie: Dieter Berner, (Österreich/Luxemburg), 2016

Darsteller: Noah Saavedra, Maresi Riegner, Valerie Pachner u.a.

Egon Schiele

Was mag in einem jungen Menschen vorgehen, der mit ansehen muss, wie der psychisch kranke Vater in einem Anflug von Wahn den gesamten Familienbesitz verbrennt? Dieter Berner beginnt seinen Film über Egon Schiele (1890-1918) mit einer solchen Szene, die ein Fiebertraum sein könnte, denn Schiele liegt wenige Einstellungen später sterbenskrank im Bett, schwach und gezeichnet von der Spanischen Grippe, die zum Ende des Ersten Weltkrieges viele hungernde Bürger in Wien ums Leben kämpfen ließ. Schieles Schwester Gerti kümmert sich um den Bruder und bettelt dessen Schwiegermutter an, Familienschmuck zu versilbern, um auf dem Schwarzmarkt fiebersenkendes Chinin zu bekommen.

»Tod und Mädchen« heißt Berners Film im Untertitel, entliehen ist er nicht nur der Romanvorlage von Hilde Berger, die mit Berner auch das Drehbuch für diesen Spielfilm schrieb, sondern auch einem Bild von Schiele gleichen Namens. Der Tod als alltäglicher Begleiter jener Jahre war ganz sicher eines der Themen, die Schiele stark beschäftigt und ihn angetrieben haben. Mehr noch freilich waren es die Frauen, die er malte. Und malen, das konnte er - wie ein Besessener. Schon seine jüngere Schwester Gerti steht ihm als Pubertierende viel Modell, später lernt er Wally kennen, mit der er in wilder Ehe aufs Land zieht und dort in Verruf gerät, ein minderjähriges Nachbarkind ent- und verführt zu haben. Heiraten freilich wird er eine andere.

Dieter Berner bettet sein Porträt ein in Bilder voller Zeitkolorit, erweist sich als genauer Beobachter jener Jahre der Bohème und Schieles Wandel zum Expressionisten und Vertreter der Wiener Moderne. Gustav Klimt als künstlerischer Mentor und väterlicher Freund hat seinen Auftritt, der Prater als nicht nur ein Ort des Vergnügens, sondern auch der harten Arbeit ist nostalgiebetont ins Bild gesetzt, die Natur und das Leben auf dem Land zeigen sowohl ihre paradiesische Seite als auch das Gefühl von Einsamkeit, die vor allem jene plagt, die das gesellschaftliche Treiben und Nachtleben der Stadt brauchen wie die Luft zum Atmen.

Die Kamera und Lichtsetzungen stehen dabei sowohl in der Enge der dunklen und ärmlichen städtischen Atelierwohnungen als auch der sonnendurchfluteten Landpartie ganz im Dienste der schwankenden Stimmungen, denen sich Egon Schiele immer wieder ausgesetzt sah. Euphorisch hier, zutiefst betrübt da, manchmal auch herrisch und ungerecht der hilfsbereiten und aufopferungsvollen Schwester gegenüber, ein kleiner Rebell zudem den gesellschaftlichen Konventionen gegenüber - ein leichter Charakter ist Schiele gewiss nicht gewesen. Mehr noch, als er als Künstler ja auch in der Kritik stand, mit seiner expliziten und ungeschönten Darstellung von insbesondere weiblichen Körpern das in dieser Zeit auch durch Sigmund Freud angestoßene Thema der Sexualität zu nähren, beziehungsweise die Betrachter damit geradezu herauszufordern.

In der Rolle des einerseits gelobten und talentierten, andererseits verdammten und verurteilten Künstlers geht die Neuentdeckung Noah Saavedra, ein junger Schauspieler aus dem Burgenland, voll und ganz auf. Die seinem Charakter innewohnende Gebrochenheit und das gleichzeitige Selbstbewusstsein als junges Künstlergenie, beide Facetten wohldosiert zum Ausdruck gebracht, nimmt man ihm gerne ab. Und schön ist auch zu sehen, dass auch er mit dem Stift umzugehen weiß - denn auch das ist ja wichtig in einem Film über einen bildnerischen Künstler, dass man sehen kann, was er in seinen kreativen Momenten tatsächlich tut. Gut besetzt auch die Frauenrollen mit Maresi Regner (als Gerti), Valerie Pachner (als Wally; zuletzt mit Josef Hader in „Vor der Morgenröte“) und Marie Jung (als Ehefrau Edith). Gut tut dem Film auch, dass die Darsteller mit österreichischem Zungenschlag reden dürfen. In ihrem Fall trägt das zur Authentizität bei, aufgesetzt oder künstlich ausschmückend wirkt es hier nicht. Das Schiele-Jahr kann also kommen, „Tod und Mädchen“ bereitet gut darauf vor.

Thomas Volkmann

Aloys

Do. Fr. Sa. So. Mo. Di. Mi.
19:30

Regie: Tobias Nölle, (Schweiz/Frankreich), 2016

Darsteller: Georg Friedrich, Tilde von Overbeck, Kamil Krejci u.a.

Aloys

Aloys ist Privatdetektiv bei Adorn & Sohn. Aloys (Georg Friedrich) ist der Sohn und vor ihm in einem Sarg liegt Adorn, der Vater. Aloys ist ein komischer Kauz. Menschen mag er nicht zu nahe kommen. In seiner trostlosen „Stinkebude“ hockt er, nimmt am Telefon Aufträge entgegen von betrogenen Eheleuten, schleicht ausgetretene Pfade durch eine anonyme Stadt in der Schweiz und beschattet potentielle Ehebrecher. Als Schutzschild vor der blaugrauen Welt dient ihm seine kleine Videokamera. Näher, als es sein Zoomobjektiv erlaubt, muss er nicht heran an seine Umgebung. So schützt er seine Einsamkeit vor fremdem Zutritt. Aloys filmt sogar das Treppenhaus vor der Wohnungstür. Oder den toten Vater auf seinem letzten Gang. Fehlen wird der ihm als Einziger. Als Aloys dieser Regung nachgibt und sich betrinkt, ändert das sein Leben von Grund auf. Im Autobus wacht er auf und findet seine Kamera nicht, auch nicht die Bänder, die sein Lebens- und Arbeitsinhalt sind. Statt dessen steckt in seiner Tasche eine Kassette, auf der er von der vermeintlichen Diebin schlafend im Bus abgefilmt wurde. Aloys erhält einen Anruf von der Dame (Tilde von Overbeck) und stellt erstaunt fest, dass sie einiges weiß über die Tristesse in seinem Leben. Statt ihn wegen des Videomaterials zu bedrängen, fordert sie den Eigenbrötler heraus zu einer Art Heilung. Paradoxerweise mittels einer imaginierten Telefonwanderung. Das ist eine japanische Erfindung für einsame Menschen. Gemeinsam begibt man sich in eine Fantasiewelt, lauscht Geräuschen, teilt die Bilder miteinander und legt dann auf. Die Leinwand hört folglich gar nicht mehr auf, immer neue Visionen zu produzieren. In dem Debütfilm von Tobias Nölle geraten die abgründigen Hilferufe zweier einsamer Seelen durch traumwandlerische Kameraarbeit zu wunderbaren Kinobildern. Sobald das Telefon klingelt, stoßen Vera, die suizidgefährdete Nachbarin (ein erster Ermittlungserfolg), und Aloys vor in Räume jenseits der üblichen Kontaktanbahnung. Zweisamkeit durch Mindsurfing. Das Offensichtliche passiert, wenn Aloys feststellt, dass er ohne Veras Stimme, ohne ihre gemeinsam verbrachte Zeit gar nicht mehr leben kann. Er sucht ihre Nähe.

alpa kino

Bundestart - Das Debüt im Thalia

Das Original ist besser!Paterson (OmdU)

Do. Fr. Sa. So. Mo. Di. Mi.
21:30 21:30

Regie: Jim Jarmusch, (USA), 2016

Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Kara Hayward u.a.

Paterson (OmdU)

Wenn ein Bild für das Kino von Jim Jarmusch steht, dann dieses: Die Kamera rollt gemächlich durch die Straßen einer Stadt. Jarmusch kehrt von Detroit und seinen Geistern zurück zur Poesie des Lebens. In Paterson/New Jersey beobachtet er einen Busfahrer Namens Paterson bei seiner täglichen Routine. Dessen offener Blick streicht über alles, was ihm auf seiner täglichen Runde begegnet. Er selbst ruht wie das Zentralgestirn inmitten seiner überschaubaren Welt. Handgriffe, Begrüßungen, der Wechsel des Lichts; alles befindet sich an seinem Platz. Der Bus rollt fast von allein. Das schafft den Gedanken Raum. Und gibt ihnen Zeit, sich aneinander zu reihen. Täglich bzw. stündlich begegnen die Zeiger seiner Uhr einer illustren Auswahl an Ziffern auf dem Blatt, sprich Personen in seinem Umfeld. Paterson lauscht ihren Geschichten. Und entdeckt unentwegt hübsche Anregungen, die er vor unseren Augen zu Papier bringt (des Regisseurs Geisterhand schreibt Poetisches direkt auf die Leinwand wie einst bei Greenaway). Der Busfahrer bezeichnet sich selbst in seiner Freizeit als einen Poeten. Wenn er nach der Arbeit heimkommt, bringt er für seine Freundin Laura (Golshifteh Farahani) ein Gedicht mit. Die quirlige Iranerin hat einen kreativen Schwarz-Weiß-Tick und findet in Paterson einen geduldigen Zuhörer; fliegen ihre Pläne hoch und höher, seine Bodenhaftung bringt beide sicher zurück. Jim Jarmusch gelingt es, mit dem Star Wars Schurken Driver und der Pharaonengemahlin Farahani ein Leinwand-Liebespaar zu erfinden, dessen liebevoller Alltag dem Film als Plot genügt. Mehr braucht es nicht. Jarmusch legt seinen Schienenkreis, filmt von dort in sieben Tagen Bett, Bus und Bar, und versteckt überall rings um das Set wichtige Dinge. Den Dichter William Carlos Williams, dessen Paterson-Gedicht legendär und hier sehr lebendig ist, Streichholzschachteln, das minderjährige Liebespaar eines Regie-Kollegen, ein Schachspiel, ein Anrufbeantworter, Mitglieder des Wu-Tang Clans sowie Marvin, eine englische Bulldogge, die in Cannes einen Palm Dog Award erhielt.

alpa kino

Bundesstart - Das Debüt im Thalia