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| 18:15 |
Es ist ein Experiment, eine poetische Spurensuche: Schauspielerin Sandra Hüller nähert sich dem Leben von Ingeborg Bachmann und verleiht deren Worten eine magische Präsenz. Die Literaturwissenschaftlerin Regina Schilling verdichtet improvisierte Szenen, Archivmaterial, Interviews und Bachmanns Texte zu einem kunstvollen Gewirk. Ihr Film verbindet die zentralen Lebensphasen Bachmanns von deren Kriegskindheit in Kärnten, dem Aufstieg zum Literatur-Star und Mitglied der Gruppe 47 bis zu ihren letzten Lebenstagen in Rom. „Unsere Geisterbeschwörung, unsere Seance“, nennt Regina Schilling das gemeinsame Vorgehen von ihr und Hüller an einer Stelle des Films, man sieht beide lachen, erleichtert, dass der beschrittene Weg gangbar scheint. Der Film betont in kleinen Momenten immer wieder, dass hier eine Versuchsanordnung stattfindet, Möglichkeiten abgeschritten werden, wie Ingeborg Bachmanns Leben gewesen sein könnte. Zu Wort kommen auch die Männer, zu denen sie in komplizierten Beziehungen stand. Hans Werner Henze und Max Frisch geben Auskunft, von Paul Celan wird berichtet. Zentrum bleibt aber immer Bachmanns kompromissloses Ringen um eine unverwechselbare und radikale Sprache und ihr Taumeln zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen. Souverän montiert, greifen die verschiedenen Archivmaterialien ineinander, überraschend und folgerichtig zugleich und sorgen in Verbindung mit Sandra Hüllers schillerndem Spiel für eine starke Sogwirkung. Bachmann, von Hüller wahrhaft kongenial dargestellt, entzog sich und ihr Werk konsequent jeglicher Vereinnahmung. Regine Schilling macht das glaubhaft. Ihr Film ist ein wunderbares Porträt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann, ein Porträt, das die Zerbrechlichkeit der Künstlerin ebenso würdigt wie ihre Kraft.
Grit Dora
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| 20:00 |
In einer nahen Zukunft haben die Menschen ihre Fähigkeit zu träumen zugunsten des ewigen Lebens aufgegeben. Ein einziges Wesen, halb menschlich, halb Roboter ist noch in der Lage zu träumen, klammert sich an Traumbildern und Visionen fest. Eine Frau reist in die dystopische Zukunft, versucht das Wesen zu reparieren und die Wahrheit aufzudecken. Dabei konfrontiert sie es mit Episoden aus der chinesischen Geschichte. Sie entwickelt eine tiefe Bindung zu dem jungen Namenlosen und steht schließlich vor einer Entscheidung: Soll sie in die reale Welt zurückkehren - oder bei diesem letzten Träumer bleiben?
Der erst 35-jährige chinesische Regisseur und Drehbuchautor Bi Gan (»Long Day's Journey Into Night«) erzählt in »Resurrection« nicht nur fantastische Stories voller überbordender Einfälle, er verknüpft souverän verschiedene Phasen der chinesischen Geschichte und zitiert gleichzeitig ganz unterschiedliche stilistische Versatzstücke aus 100 Jahren Filmgeschichte, vom expressionistischen Stummfilm über den klassischen Film Noir bis zu 1970er Jahre Bandit-Movies. Vampirismus findet auch statt. Technisch brillant, mit teils souveräner Verachtung der Narrative, erzeugt er spektakuläre, ausschließlich für die große Leinwand komponierte Bilder. Sein Film ist eine sechsteilige Verneigung vor dem Kino und ein Plädoyer für Träume, ein wilder, bandbreitiger Genre-Mix, der dem Publikum in seinen 155 Minuten sehr vieles bietet und einiges abverlangt. »Resurrection« fasziniert, ist aber sperrig. Kein Erzählkino, vielmehr ein filmisches Experiment voller Überraschungen, eine „Traum“-Reise zu den Quellen des Kinos.
Grit Dora